Sonntag, 17. November 2013

Ein Abstecher in die Mitte Australiens


Heute Abend ist wieder Packen angesagt. Morgen früh um 8.45 Uhr wartet ein Shuttlebus vor dem Hotel, um uns zum „Ghan“ zu bringen, einem Zug, der quer durch die Mitte Australiens von Darwin über Alice Springs nach Adelaide rattert und in dem wir mit Mühe im Februar noch einen Platz ergattert haben, weil er so beliebt ist und die Kontingente wohl von den großen Reisegesellschaften weltweit aufgekauft werden.


Unsere Reise mit ihm wird allerdings in Alice Springs enden. Da wartet das nächste Abenteuer auf uns, eine Tour zum Ayers Rock oder Uluru, wie er inzwischen genannt wird und weitere sehenswerte Stätten wie den Kings Canyon etc. Wir sind mal wieder gespannt. Der „Ghan“ ist übrigens beeindruckende 762 m lang und hat 32 Wagen. Jetzt! Er kann, wie wir hörten, beträchtlich länger sein.

 
Der Shuttlebus ist pünktlich zur Stelle, schon gut besetzt mit Mitreisenden aus anderen Hotels. Unser „Ghan“-Guide heißt Jenny und macht uns schon im Bus mit allem vertraut, was uns erwartet. Wir könnten z.B. einen Hubschrauber-Flug in Katherine für 220 AUD buchen oder u.a. einen included Ausflug auf dem Katherine River. Den buchen wir. Wir steigen vor dem Waggon „M“ des „Ghan“ aus, in dem uns die komfortable Kabine Nr. 11/12 zugewiesen wurde.




Nur gemütlich kann man sie nicht nennen, die Aircondition ist auf den Gefrierpunkt eingestellt! Aufwärmen kann man sich in der Lounge im Waggon „G“ hinter uns. Ein weiter Weg, aber alle Getränke sind inklusive, auch die alkoholischen, und so ist es dort immer rappelvoll und der Alkoholkonsum beträchtlich.
 
 
In Katherine hält unser Bummelzug dann für ca. 4 Stunden und es gibt nicht nur die interessante Bootstour


mit Aussie-Guide, dessen Ausführungen über Geologie und History wir nur sehr eingeschränkt folgen können (wie auch Mutter und Tochter aus England, wie wir später erfahren sollen), sondern zurück am Ufer auch einen Snack mit Champagner. Der Snack besteht aus einer Krokodilsuppe und –pastete, einem Beef- und Kamelspieß(chen) und einem Stück Wassermelone. Krokodilsuppe, Beefpastete und Melone und natürlich der Champagner schmeckt uns sehr gut, der Rest “interessant“, wie meine Schwiegermutter zu sagen pflegte, wenn sie der Antwort auf eine Frage ausweichen wollte.
 

Was wir bei unserem Guide verstanden haben, war z.B., daß die Ranger das Geschlecht der hier lebenden „Freshies“ bestimmen, in dem sie die Eier der Krokodile ausbuddeln und an anderen – verschieden temperierten Stellen wieder einbuddeln. Ist die Stelle heißer schlüpfen weibliche und ist sie kühler schlüpfen männliche Krokodile. So versuchen sie, die Population im Griff zu behalten.

Die Organisation an Bord des „Ghan“ klappt vorzüglich, das Essen ist hervorragend und wir lernen wieder sehr nette Menschen kennen, an deren Tisch wir zufällig in der Lounge landen oder beim Dinner platziert werden, z.B. einen 80 Jahre alter gebürtiger Berliner, der 17jährig mit seiner Mutter und etlichen Verwandten nach Melbourne auswanderte, später eine gebürtige Italienerin ehelichte und trotzdem immer noch recht gut Deutsch spricht. Bis zum Dunkelwerden gleitet stundenlang die gleiche langweilige Landschaft an uns vorüber und das bleibt am Morgen genauso, bis wir in Alice Springs ankommen. Genauso langweilig kommt uns Alice Springs vor, wo wir das sehr schlichte Hotel „Aurora“ beziehen. Aber auch das hat alles, was der Mensch hier braucht und zum ersten Mal ist die Temperatur auf einem Level angelangt, den wir genießen können: 26 Grad Celsius. Wir wünschen uns, daß das für die nächsten Tage und unseren dreitägigen Ausflug zum Ayers Rock und „umzu“ so bleibt, was allerdings wohl recht vermessen ist. Wir werden sehen.

Der Bus nach Uluru holt uns in aller Herrgottsfrühe um 6.25 Uhr(!) ab. Nachdem wir noch ein paar Hotels abgeklappert haben, ist es 7.10 Uhr.


Der Fahrer John ist auch unser Reiseleiter. Alice Springs endet hinter einem Gebirgszug und die Landschaft wird karger, noch karger geht offenbar!!! Weder auf dem Boden noch in der Luft bewegt sich etwas, keine Vögel und auch kein anderes Getier. Nur die Sonne bewegt sich, sie geht auf, auch hier im Osten, aber „im Norden ist ihr Mittagslauf“. Wir sind unterhalb des Äquators. Unser „Driver/Guide“ scheint lustige Geschichten zu erzählen, ersehen wir aus der Reaktion der australischen Mitreisenden. Wir sind des Aussie-Englisch noch nicht mächtig und verstehen nur bruchstückhaft. Kirsten schläft ein und auch unserem Guide gehen offenbar die Geschichten aus. Erst eine Stunde später hat er wieder etwas zu berichten. Wir passieren eine Rinderfarm und die Asphaltstraße säumen große Blaubeerflächen. Und dann kommt unser erster Stopp, eine Kamelfarm, auf der neben Frühstück und Souvenirs auch Kamelreiten angeboten wird. Da bin ich ja gespannt, wer von den überwiegend betagten und teilweise gehbehinderten Passagieren sich auf so ein Tier schwingen wird. Wir bestimmt nicht. Ich weiß aus Erfahrung, Kamele können ganz schön garstig sein. In Tunesien auf einem Ritt in die Sahara versuchte so ein Biest immer wieder, seinen Kopf so weit nach hinten zu drehen, daß es mich beißen konnte, was ihm aber gottseidank nicht gelang.

Also nur vier Jüngere haben sich getraut. Wir hören, es gibt in Australien inzwischen so viele wild lebende Kamele, nämlich ca. 1.000000 (nein, keine Null zu viel!), daß man sie schon wieder dahin zurückexportiert, woher sie ursprünglich stammen, z.B. nach Saudi Arabien. Trotzdem werden sie nicht weniger. Auch wenn ihr Fleisch wohlschmeckend und gesund, weil sehr cholesterinarm, ist, so viele Kamel-Burger können die Australier denn doch nicht essen. Die Kamele wurden in die Wildnis entlassen, als die Traktoren und Laster effektiver arbeiteten und die Pferde, als die Kavallerie sie nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr brauchte. Die Lastwagen wurden inzwischen auch wieder abgelöst von den Roadtrains. So ein Ungetüm kann mehr als 50 m lang sein und 4 Anhänger an der Zugmaschine haben, wobei der vierte mit dem  dritten so verbunden ist als seien sie ein Anhänger. Nur 3 Anhänger sind erlaubt. Uns begegnen immer wieder Schilder mit „Roadrunners kill!“ Und daran zweifeln wir nicht.  

Weiter geht’s am „Henry Station Airstrip“ vorbei, wo die „Fliegenden Doktoren“ landen können und auch Flugzeuge mit Waren aller Art. Weil so viele Unfälle auf dem einzigen Highway durch wandernde wilde Viehherden  und Kamele passierten, mußten die Rinder- und Kamel-Farmer ihre Weiden entlang der Straße einzäunen, was auch half. Weil das wegen der Größe des Farmlandes mit leicht 4000 qkm eine recht teure Angelegenheit war, gab die Regierung das Geld und die Farmer stellten die Arbeiter.  Nur konnten die Kamele die dünnen Drähte nicht ausmachen, weil die in Augenhöhe der Rinder angebracht waren. So rannten sie einfach durch und die Farmer mußten andauernd reparieren. Weil das sehr kostspielig war, kamen sie auf die Idee, Dosen an die Drähte zu hängen, die in der Sonne glitzern, und das half und hielt und hält die Kamele fern.  Eine Fahrstunde weiter ist die Vegetation wieder etwas üppiger, wahrscheinlich durch das Wasser des Palmer Rivers, der allerdings z.Zt. auch trocken daliegt. Vereinzelt sieht man auch Rinder grasen. Zu viele Tiere dürfen pro qkm nicht gehalten werden, weil in der Trockenzeit das Futter zu knapp werden würde. Eine Farm kann auch mal 80 km vom Highway entfernt liegen, an dem ihre Weidefläche endet, da ist der Landwirt schon ganz schön lange unterwegs, wenn er die abreiten will. Unser nächster Stopp ist eine Tankstelle mit Imbiß, Souvenirshop und einem kleinen Emu-Gehege, und hier erwarten uns Tausende kleiner, lästiger Fliegen, die sich erfreut auf uns stürzen. Uns kommt eine Muslimin in einer Burka entgegen, nein, doch keine Muslimin, eine Frau mit einem Moskitoschleier. Das einzige Mittel,  das die Angreifer auf Distanz hält! Auch auf dem nächsten Fotostopp, Fliegen über Fliegen! Ein schnelles Foto vom Mt. Conner muß reichen.


Daß wir die Plagegeister in den nächsten Tagen und Wochen als ständige Begleiter haben werden, wissen wir da noch nicht. Trotzdem verzehrt eine Reisegruppe, deren Sprache ich nicht einordnen kann, ungerührt ihr mitgebrachtes Essen auf dem Parkplatz. Wir fahren weiter durch die Steppenlandschaft. Auf roter Erde wachsen Gras, Büsche, kleine Bäume, dazwischen grasen hier und da wilde Rinder oder auch wildlebende Pferde, hier Brumbies genannt. Alles, was wir „importiert“ haben, wurde zur Plage, sagt einer unserer Guides: Die Kaninchen, alle Huftiere, die es früher in Australien nicht gab, der Frosch, der die Zuckerrohr-Käfer vertilgen sollte und auch tat, aber sich in ganz Australien ausbreitete und zudem giftig für diejenigen war, die ihn vertilgten. Die Guides haben alle so ihre Späßchen auf Lager. Isaac zeigt uns eine Menge eßbarer und einige Pflanzen mit heilenden Wirkstoffen, die schon von den Aboriginies geschätzt wurden und kommt dann zu einer Blume mit kolbenförmigen Blüten wie Lampenputzer“, mit Namen „Malla Malla“.  Die ist wie meine Exfreundin“, sagt er, „hübsch, aber völlig unnütz!“. Ein anderer erzählt die Geschichte von einem Siedler, der sich eine gute Existenz mit dem Anpflanzen von Gummibäumen aufbauen wollte, was aber nicht den erhofften Erfolg hatte und er die Idee aufgab. „Was da von seinen Gummibäumen nach nunmehr 40 Jahren geworden ist, zeige ich Euch gleich“. Und wir passieren nach ein paar Minuten zwei blätterlose Bäume, in denen viele schwarze Autoreifen hängen!!

Das Hotel „Pioneer Desert“, das wir in Uluru gebucht haben, gefällt uns sehr gut. Wir haben allerdings nur knapp 2 Stunden Zeit, dann geht es auf die erste Tour mit dem Bus zu den „Olgas“, rote Sandsteinfelsen, die dem Ayers Rock Konkurrenz machen können.
 

Wir wählen die leichtere der 2 angebotenen Touren, das reicht uns heute völlig. Eine große Echse, ein über einen Meter großer Lizard läuft vor uns über den Weg und die Fotoapparate klicken. Ich bin leider zu spät. Wenn nur die Fliegen nicht wären. Wir denken mit Neid an die „Muslimin“. Doch als wir bei Sekt und Snacks den Sonnenuntergang mit Blick auf die „Olgas“ erleben, ist das erst mal vergessen.

 
Zurück in Uluru bleibt noch so viel Zeit, mit dem Shuttlebus zum Towns Square zu fahren und einen Moskitoschleier(!) und einen Frühstückssnack zu kaufen. Morgen geht’s nämlich schon um 4.50 Uhr in der Früh zum Kings Canyon.

Es ist 5 Uhr, stockfinstere Nacht und KALT! Um 6.25 ist Sonnenaufgang und die Sonne steigt schnell hoch. Über 300 km werden wir fahren, hatten wir nicht vermutet. Etwas Schlaf also im Bus nachholen. Kurz vor der Kings Creek Kamelfarm, wo Frühstück angesagt ist, steht der Fahrer auf der Bremse, es knallt und alle sind wach. Wir haben eine Kuh erwischt, die gerade mit einem Kumpel über die Straße wollte. Der glotzt ganz verstört von der anderen Fahrbahnseite auf uns. „Wandering cattle“, sagt unser Fahrer, ohne sich weiter zu kümmern, so was ist wohl an der Tagesordnung! Wir hoffen, die Kuh war hart im Nehmen und ist davongekommen. Jedenfalls wissen wir jetzt, wozu die schweren Gitter hier vor den Autos üblich sind, sonst hätte die Kuh dem Fahrer wohl auf dem Schoß gesessen. Auf der Kamelfarm müssen wir uns entscheiden, welche Tour für uns in Frage kommt: die 3-4stündige Kletterpartie bei 34° über  den Bergrücken mit 3 l-Wasser (Pflicht!) im Rucksack, oder die 2-stündige am Berg entlang mit unserem Fahrer im Schatten der Bäume zum „Garten Eden“ mit nur 2 l. Die Wahl fällt leicht.
 

Unsere 8AUD-Moskitonetze sind jeden Cent wert. Kein Durchkommen für die anstürmenden Fliegen! Nanananana!!!



Mittags treffen sich alle Gruppen wieder am „Kings Canyon Resort“ und treten die Busrückfahrt an. Fast 1 ½ Stunden fahren wir entlang verkohlter Baumstümpfe und Büsche, die eine riesige Feuersbrunst hinterlassen hat.  Brände entstehen hier häufiger bei schweren Gewittern durch Blitzschlag, sagt der Fahrer. Ein Stück weiter liegen etliche Kamelkadaver. Hier hat man vor einiger Zeit 700 wilde Kamele erschossen und sie einfach liegengelassen. Wegbringen wird zu teuer und Vögel, wilde Tiere, wie Dingos und auch die Sonne übernehmen die Erledigung. Wir nehmen abends nochmal den Shuttlebus, essen einen Happen im „Gecko“ und kaufen den nächsten Frühstückssnack im Supermarkt. Morgen früh geht’s um 5 Uhr zum Sonnenaufgang am „Ayers Rock/Uluru“. Das war ja der Hauptgrund unseres Kommens. Einmal zum „Ayers Rock“, auch wenn das Aufsteigen morgen wegen zu großer Hitze, des Windes und nicht zuletzt wegen der 3 l-Wasserflaschen ausfällt. Von unten ist es auch ganz schön. Anschließend werden wir uns noch mit dem Leben der Aboriginies beschäftigen, von denen unser Fahrer erzählt, daß sie 5 Sprachen beherrschen: alle 4 unterschiedlichen Sprachen der hier lebenden 4 Clans und – Englisch!

Was tut man sich bloß an. 4 Uhr klingelt der Wecker. Schnell noch einen Kaffee und den Käse aus dem Supermarkt, beides schmeckt um die Zeit nicht wirklich. Aber bevor der Tourbus kommt, müssen wir ja auch noch auschecken. Bis 11 Uhr müssen wir das Zimmer geräumt haben und da sind wir noch nicht vom Ayers Rock bzw. Uluru zurück. Um 1870 nannte der erste europäische Entdecker, der dieses Gebiet erreichte, den roten Felsen  nach dem damaligen Gouverneur Südaustraliens, Mr. Ayer, Ayersrock. Ende des 20. Jahrhunderts bekamen dann die hier lebenden Aboriginies ihr Land  und der Felsen seinen alten Namen zurück: Uluru.
 

Der Sonnenaufgang ist heute nicht besonders spektakulär, aber trotzdem ein Riesenspektakel. Hunderte von Kameras klicken. Die Ananus selbst, die hier schon Jahrtausende leben, kommen nicht mehr hierher, obgleich sie nicht weit entfernt in einer Gemeinschaft von etwa 200 Menschen leben. Wir beschränken uns auf einen informativen Rundgang mit unserem Driver und Guide Roger, aber viele Touristen klettern den steilen Pfad hinauf, auch wenn die Ananus das überhaupt nicht gerne sehen. Es sieht aus wie eine Ameisenstraße und so nennen sie die Ureinwohner auch, die Ameisen.



Einige Touristen haben sich offensichtlich überschätzt und trauen sich weder weiter hoch, noch  wieder herunter. Sie hätten besser den Wunsch der Ananus respektiert, ihren „heiligen“ Berg nicht zu besteigen. Unsere Tour-Mitstreiter kommen jedoch alle heil zurück und wir besuchen noch das Kulturzentrum der Aboriginies im Kata Tjuta Nationalpark. Leider haben wir nicht genug Platz im Koffer, um eines der „dreamings“, wie die Malereien der Aboriginies heißen, oder anderer ihrer Kunstwerke – wie Holzschnitzereien - mitzunehmen.

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